Praxisorientierte Kompetenzentwicklung von Studierenden in einer industriellen Ausbildungsumgebung.

Warum institutionelle Strukturen über den Erfolg von Bildungsreformen entscheiden

Vie­le Län­der refor­mie­ren ihre Hoch­schul­sys­te­me. Pro­gram­me ent­ste­hen, Stu­di­en­gän­ge wach­sen und poli­ti­sche Stra­te­gien wer­den ver­ab­schie­det. Doch eine zen­tra­le Fra­ge bleibt oft unbe­ant­wor­tet: Wo ent­schei­det sich eigent­lich, ob die­se Refor­men tat­säch­lich zu arbeits­fä­hi­ger Kom­pe­tenz füh­ren?

In vie­len Län­dern ist die Reform der Hoch­schul­bil­dung zu einer zen­tra­len wirt­schafts­po­li­ti­schen Auf­ga­be gewor­den. Pro­gram­me sol­len die Beschäf­ti­gungs­fä­hig­keit von Absol­ven­tin­nen und Absol­ven­ten ver­bes­sern, Inno­va­ti­on för­dern und den Fach­kräf­te­be­darf wach­sen­der Indus­trien decken.

Die Erfah­rung vie­ler Bil­dungs­sys­te­me zeigt jedoch, dass Refor­men sel­ten an feh­len­den Ideen schei­tern. Sie ver­lie­ren ihre Wir­kung meist dort, wo poli­ti­sche Pro­gram­me nicht aus­rei­chend in insti­tu­tio­nel­len Struk­tu­ren ver­an­kert wer­den.

Zwi­schen poli­ti­schen Reform­stra­te­gien und den tat­säch­li­chen Kom­pe­ten­zen von Absol­ven­tin­nen und Absol­ven­ten liegt eine Ebe­ne, die in Reform­de­bat­ten häu­fig unter­schätzt wird: Die Gover­nan­ce und Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur der Hoch­schu­len.

Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet daher nicht nur, wel­che Refor­men beschlos­sen wer­den, son­dern wo sich ihre tat­säch­li­che Wir­kung ent­schei­det.

Das strukturelle Spannungsfeld moderner Hochschulsysteme

Moder­ne Hoch­schul­sys­te­me bewe­gen sich in einem Span­nungs­feld zwi­schen drei zen­tra­len Akteu­ren.

  • Regie­run­gen mes­sen Refor­men häu­fig an Pro­gram­men, Teil­nah­me­zah­len oder der Expan­si­on von Stu­di­en­an­ge­bo­ten.
  • Hoch­schu­len ori­en­tie­ren sich an der Ent­wick­lung neu­er Stu­di­en­gän­ge, an Stu­die­ren­den­zah­len und an ver­ge­be­nen Abschlüs­sen.
  • Unter­neh­men hin­ge­gen bewer­ten das Sys­tem aus einer ande­ren Per­spek­ti­ve: Für sie zählt in ers­ter Linie die prak­ti­sche Kom­pe­tenz von Absol­ven­tin­nen und Absol­ven­ten.

Arbeit­ge­ber stel­len des­halb eine ein­fa­che Fra­ge: Sind Absol­ven­tin­nen und Absol­ven­ten in der Lage, pro­duk­tiv zu arbei­ten?

Die­se drei Per­spek­ti­ven fol­gen unter­schied­li­chen Logi­ken. Ohne sta­bi­le Gover­nan­ce-Struk­tu­ren ent­ste­hen daher häu­fig struk­tu­rel­le Ungleich­ge­wich­te. Ent­schei­dend sind die insti­tu­tio­nel­len Struk­tu­ren einer Hoch­schu­le. Sie bestim­men, ob Reform­pro­gram­me zu rea­ler Kom­pe­tenz­ent­wick­lung füh­ren oder über­wie­gend auf dem Papier blei­ben.

Das Ergeb­nis ist ein bekann­tes Mus­ter vie­ler Bil­dungs­sys­te­me: Die Zahl der Abschlüs­se steigt, die tat­säch­li­che Arbeits­fä­hig­keit der Absol­ven­tin­nen und Absol­ven­ten ver­bes­sert sich jedoch nicht auto­ma­tisch.

Governance als Verbindung zwischen Reformpolitik und Employability

An die­ser Stel­le wird die Bedeu­tung von Gover­nan­ce in der Hoch­schul­bil­dung sicht­bar.

Poli­ti­sche Refor­men defi­nie­ren stra­te­gi­sche Zie­le. Die kon­kre­te Wir­kung die­ser Refor­men ent­steht jedoch inner­halb der Insti­tu­tio­nen. In Hoch­schu­len wer­den Cur­ri­cu­la ent­wi­ckelt, Lehr- und Lern­pro­zes­se orga­ni­siert, Indus­trie­part­ner­schaf­ten auf­ge­baut und Leis­tungs­nach­wei­se gestal­tet.

Die­se insti­tu­tio­nel­le Archi­tek­tur — also Ent­schei­dungs­struk­tu­ren, Ver­ant­wort­lich­kei­ten und Qua­li­täts­si­che­rungs­pro­zes­se — ent­schei­det letzt­lich dar­über, ob Reform­pro­gram­me zu rea­ler Kom­pe­tenz­ent­wick­lung füh­ren, oder über­wie­gend pro­gram­ma­ti­schen Cha­rak­ter behal­ten.

Gover­nan­ce ist daher weni­ger eine admi­nis­tra­ti­ve Fra­ge als viel­mehr ein Mecha­nis­mus, der poli­ti­sche Ziel­set­zun­gen mit den prak­ti­schen Anfor­de­run­gen des Arbeits­mark­tes ver­bin­det.

Die Grenzen projektbasierter Reformpolitik

Vie­le Reform­in­itia­ti­ven wer­den über Pro­jek­te, För­der­pro­gram­me oder zeit­lich begrenz­te Pilot­vor­ha­ben umge­setzt. Sol­che Initia­ti­ven kön­nen Inno­va­tio­nen anstos­sen und wich­ti­ge Impul­se geben.

Ihre Wir­kung bleibt jedoch begrenzt, wenn sie nicht dau­er­haft in insti­tu­tio­nel­len Struk­tu­ren ver­an­kert wer­den.

Sobald För­der­pro­gram­me enden oder ver­ant­wort­li­che Per­so­nen wech­seln, ver­lie­ren vie­le die­ser Pro­jek­te ihre ope­ra­ti­ve Wir­kung. Statt nach­hal­ti­ger struk­tu­rel­ler Ver­än­de­run­gen ent­steht eine Viel­zahl iso­lier­ter Initia­ti­ven.

Refor­men, die über­wie­gend auf Pro­jek­te set­zen, füh­ren oft zu neu­en Pro­gram­men, aber nur sel­ten zu sta­bi­len insti­tu­tio­nel­len Struk­tu­ren.

Institutionelle Innovation als Ausgangspunkt für systemische Entwicklung

Beson­ders deut­lich wird die­ses Span­nungs­feld bei der Ent­wick­lung neu­er pra­xis­ori­en­tier­ter Stu­di­en­gän­ge.

Sol­che Pro­gram­me ent­ste­hen häu­fig zunächst inner­halb ein­zel­ner Hoch­schu­len. Insti­tu­tio­nen ent­wi­ckeln neue Cur­ri­cu­la, arbei­ten mit Indus­trie­part­nern zusam­men und erpro­ben Aus­bil­dungs­mo­del­le, die stär­ker an rea­len Arbeits­pro­zes­sen ori­en­tiert sind.

Die ent­schei­den­de Fra­ge ist jedoch nicht allein, ob ein Stu­di­en­gang exis­tiert. Ent­schei­dend ist, ob sei­ne Struk­tur über die ein­zel­ne Insti­tu­ti­on hin­aus ver­ständ­lich und anschluss­fä­hig ist.

Pro­gram­me gewin­nen sys­te­mi­sche Bedeu­tung, wenn meh­re­re Ele­men­te zusam­men­kom­men. Dazu gehö­ren klar defi­nier­te beruf­li­che Ziel­rol­len, Kom­pe­tenz­pro­fi­le, die in natio­na­le Qua­li­fi­ka­ti­ons­rah­men ein­ge­ord­net wer­den kön­nen, sowie eine struk­tu­rier­te Zusam­men­ar­beit mit Indus­trie­part­nern.

Praxisorientierte Ausbildung von Studierenden mit Ausbilder an industriellen Anlagen zur Entwicklung technischer Kompetenz.
Struk­tu­rier­te Zusam­men­ar­beit zwi­schen Hoch­schu­le und Indus­trie stärkt arbeits­fä­hi­ge Kom­pe­tenz.

Eben­so wich­tig ist eine trans­pa­ren­te Assess­ment­struk­tur, durch die Kom­pe­tenz­ent­wick­lung über­prüf­bar wird.

Wenn die­se Ele­men­te zusam­men­wir­ken, ver­än­dert sich die Rol­le eines Stu­di­en­gangs grund­le­gend. Er ist dann nicht mehr ledig­lich ein loka­les Hoch­schul­an­ge­bot, son­dern ein insti­tu­tio­nell ent­wi­ckel­tes Modell mit struk­tu­rel­ler Anschluss­fä­hig­keit.

Sol­che insti­tu­tio­nel­len Aus­bil­dungs­ar­chi­tek­tu­ren ent­ste­hen häu­fig zunächst inner­halb ein­zel­ner Hoch­schu­len. Ein Bei­spiel dafür ent­wi­ckelt sich der­zeit an der Bhar­ti­ya Skill Deve­lo­p­ment Uni­ver­si­ty in Jai­pur.

Im Rah­men des Dua­lEdu Bridge India-Ansat­zes wer­den Stu­di­en­pro­gram­me gezielt ent­lang indus­tri­el­ler Kom­pe­tenz­pro­fi­le, pra­xis­ori­en­tier­ter Aus­bil­dungs­struk­tu­ren und inter­na­tio­na­ler Aus­bil­dungs­er­fah­run­gen ent­wi­ckelt.

Der Ansatz ver­bin­det aka­de­mi­sche Pro­gram­me mit indus­tri­el­len Aus­bil­dungs­pro­zes­sen und schafft damit Stu­di­en­gän­ge, deren Struk­tur über ein­zel­ne Insti­tu­tio­nen hin­aus anschluss­fä­hig wird.

In sol­chen Fäl­len kann ein Stu­di­en­gang als Refe­renz­mo­dell für sek­to­ra­le Aus­bil­dungs­stan­dards die­nen.

Von institutionellen Modellen zu nationalen Qualifikationsstandards

In vie­len Bil­dungs­sys­te­men ent­ste­hen trag­fä­hi­ge Reform­mo­del­le nicht allein durch poli­ti­sche Pro­gram­me. Häu­fig ent­wi­ckeln sich robus­te Aus­bil­dungs­ar­chi­tek­tu­ren zunächst inner­halb ein­zel­ner Insti­tu­tio­nen, in denen neue Ansät­ze prak­tisch erprobt wer­den.

Gera­de soge­nann­te Skill Uni­ver­si­ties spie­len in die­sem Zusam­men­hang eine äus­serst wich­ti­ge Rol­le. Ihre Pro­gram­me ver­bin­den aka­de­mi­sche Bil­dung mit indus­tri­el­ler Pra­xis und kom­pe­tenz­ba­sier­ter Aus­bil­dung.

Insti­tu­tio­nen wie die Bhar­ti­ya Skill Deve­lo­p­ment Uni­ver­si­ty zei­gen, wie sich sol­che Model­le ent­wi­ckeln las­sen. Initia­ti­ven wie das Edu­Bridge-India-Refe­renz­mo­dell ver­bin­den inter­na­tio­na­le Aus­bil­dungs­er­fah­run­gen mit den Anfor­de­run­gen indus­tri­el­ler Pra­xis.

Pro­gram­me, die auf kla­ren Out­co­me-Struk­tu­ren, indus­tri­el­ler Inte­gra­ti­on und nach­voll­zieh­ba­ren Kom­pe­tenz­pro­fi­len basie­ren, kön­nen damit über ein­zel­ne Insti­tu­tio­nen hin­aus Bedeu­tung erlan­gen.

NEP 2020 und die nächste Phase der Hochschulreform

Die Natio­nal Edu­ca­ti­on Poli­cy 2020 hat einen wich­ti­gen Rah­men für die Wei­ter­ent­wick­lung der Hoch­schul­bil­dung geschaf­fen. Sie betont Employa­bi­li­ty, pra­xis­ori­en­tier­te Aus­bil­dung und eine stär­ke­re Zusam­men­ar­beit zwi­schen Hoch­schu­len und Indus­trie.

Für die Wei­ter­ent­wick­lung die­ser Reform­agen­da stellt sich jedoch eine wei­ter­füh­ren­de Fra­ge.

Es geht nicht allein um die Ein­füh­rung wei­te­rer Pro­gram­me. Ent­schei­dend ist, wel­che insti­tu­tio­nel­len Model­le bereits über eine Archi­tek­tur ver­fü­gen, die für eine brei­te­re sek­to­ra­le Anwen­dung geeig­net ist.

Pro­gram­me mit kla­rer Out­co­me-Logik, struk­tu­rier­ter Indus­trie­inte­gra­ti­on und nach­voll­zieh­ba­ren Kom­pe­tenz­pro­fi­len könn­ten als Refe­renz­mo­del­le die­nen, um sek­to­ra­le Aus­bil­dungs­stan­dards wei­ter­zu­ent­wi­ckeln.

Fazit: Institutionelle Architektur entscheidet über Reformwirkung

Pro­gram­me ent­ste­hen schnell. Insti­tu­tio­nel­le Struk­tu­ren wach­sen lang­sam.

Damit Refor­men wir­ken, müs­sen Poli­tik, Hoch­schu­len und Indus­trie ihre Rol­len klar auf­ein­an­der abstim­men und dau­er­haft zusam­men­ar­bei­ten.

Wenn sol­che Struk­tu­ren ent­ste­hen, kön­nen ein­zel­ne Pro­gram­me über eine Hoch­schu­le hin­aus Bedeu­tung gewin­nen. Sie wer­den zu Ori­en­tie­rungs­punk­ten für neue Aus­bil­dungs­stan­dards und zei­gen, wie Reform­zie­le prak­tisch umge­setzt wer­den kön­nen.

Für Bil­dungs­sys­te­me eröff­net sich damit eine wich­ti­ge Per­spek­ti­ve: Insti­tu­tio­nell ent­wi­ckel­te Aus­bil­dungs­mo­del­le kön­nen als Refe­renz die­nen, um Reform­pro­gram­me ope­ra­tiv zu ver­an­kern und sek­to­ra­le Stan­dards wei­ter­zu­ent­wi­ckeln.


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Rajen­dra and Ursu­la Joshi Foun­da­ti­on / Dua­lEdu Bridge India

Rolf Sie­bold

Wei­te­re Ein­bli­cke in die Ent­wick­lung von Skill Uni­ver­si­ties und pra­xis­ori­en­tier­ter Hoch­schul­bil­dung fin­den Sie auf der Lin­ke­dIn-Sei­te von Dua­lEdu Bridge India.